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Vollständige Version anzeigen : Pikleransatz und Verwandtschaft


Sabine
24.06.2010, 15:06
In wenigen Wochen habe ich Entbindungstermin und mache mir nun schon etwas Gedanken wie sich der Pikler-Ansatz mit der fodernden Verwandtschaft meines Mannes vereinbaren lässt. Es ist mein erstes Kind, jedoch bin ich von berufswegen aus schon mit dem Pikler Ansatz bzw der Erziehungsphilosophie wie sie auch hier vorgestellt wird, vertraut und auch überzeugt davon.

Mein Mann kommt aus einer Großfamilie mit einer dominanten Frauenfront, was bisher auch schon in anderen Bereichen zu Konflikten geführt hatte. Ich bin noch relativ jung und "natürlich" wissen die erfahrenen und mehrfachen Tanten und auch die Schwiegermutter alles besser und wollen mit ihren gutgemeinten Ratschlägen einer so unwissenden Mutter wie mir nur vermittln wie auch ich es am Besten anstellen kann damit unser Kind einmal so grandios wird wie die ihre.

Meine Beschreibung mag sich recht garstig anhören, doch fühle ich mich sehr von den tollen Tipps und guten Ratschlägen bedrängt, vor allem weil auch nun schon über meinen Mann versucht wird auf mich Einfluß zu nehmen. Ich empfinde das ehrlich gesagt als respekt- und distanzlos, sich derart aufzudrängen, besonders wo das kleine Leben noch nicht einmal das Licht der Welt erblickt hat und doch einfach in Ruhe gelassen werden soll.

Wie ist es denn möglich mein Kind so zu erziehen wie ich es für richtig halte ohne der Verwandtschaft (die am liebsten die Nichte meines Mannes den ganzen Tag wie eine Puppe umherreichen und sie mit bateriebetriebenem Spielzeug "unterhalten") auf den Schlips zu treten?

Ich habe kein Problem damit für meine Überzeugung einzustehen, aber wie gehe ich damit um wenn mein Mann der sich sein Leben lang der einnehmenden Frauenfront gebeugt hat, lieber den einfachen Weg geht anstatt sich mit zum Bsp.seiner Mutter auseinanderzusetzen und zu dem zu stehen was wir vereinbart haben? Ich bin nicht so verbissen wie sich das hier vielleicht anhören mag, aber ich möchte einfach in aller Ruhe meine Schwangerschaft genießen, das Kind gebären und mit Neugierde diesen neuen Mensch kennenlernen- ohne dass jeder versucht mich mit seiner persönlichen Glücksformel zu bedrängen und mich ständig dafür rechtfertigen muß warum ich das was ich mit meinemKin mache für besser halte als das was mit "empfohlen" wird.

Ich möchte einfach friedlich das Muttersein genießen und zwar genau so wie ich es mir vorstelle.

Aber ich befürchte fast dass ich meine Pikler Philosophie nicht verfolgen kann ohne in einen großen Konflikt mit meiner Verwandtschaft und deswegen wohl auch früher oder später mit meinem Mann zu kommen, denn alle sind überzeugt davon, dass auch andere Kinder die „normal“ aufgewachsen sind, keinen Schaden davon getragen haben.

Auch wenn alle schon einmal Mütter waren, dann ist das toll für sie, aber nun ist meine Zeit und ich bin an der Reihe zu lernen und Dinge auszuprobieren...das neue Leben ist doch ein Wunder und irgendwie habe ich das Gefühl dass jetzt schon so viele unsensible Leute darauf herumtrampeln. Hat mir nicht irgendjemand eine Idee wie ich mit dieser umgehen kann? Herzlichsten Dank Cali

Sabine
24.06.2010, 15:09
Liebe "Cali",
Diese Geschichte kennen viele Eltern gut, die ich in den PiklerSpielRäumen und jetzt auch in der Krippe begleiten darf, - das ist wirklich eine große Herausforderung einen Bewusstseinswandel im Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern an sich selbst zu erleben, dann in Kommunikation mit dem Partner die eigenen Werte gemeinsam zu hinterfragen und neu zu klären, um dann schließlich dem Umfeld und der größeren Familie mehr und mehr gewachsen zu sein!
Man lernt mitunter genau das, was man sich von den anderen auch wünscht: Gelassenheit, Toleranz, Respekt und persönliche Grenzen und Werte auszudrücken. Und manchmal kommt ja tatsächlich auch ein Rat oder Tip, der einem entspricht und wirklich hilfreich ist... Aber wenn Sie schon jetzt eine Überschüttung mit unpassendem Rat-"Schlägen" befürchten und sich davor schützen wollen, hilft es vielleicht tatsächlich der Verwandtschaft in Ruhe noch vor der Geburt Manches mitzuteilen, was Ihnen wichtig ist, selbst auf die Gefahr hin, dass sie auf Unverständnis treffen. Beispielsweise kenne ich Familien, die sich ein paar Tage oder eine Woche "allein"-sein nach einer Hausgeburt gegönnt haben, und ausser der Hebamme oder erwünschten Unterstützern vorerst noch keinen Familienbesuch empfingen. Oder es wurde den Gästen vorher gezeigt, wie sie das Baby mit viel Rücken- und Kopfunterstützung waagrecht halten dürfen, und ein Herumreichen verhindert. Das kann auf andere komisch und übertrieben wirken. So können Sie anhand der Reaktionen abschätzen, ob es für Sie in Ordnung ist, dass sich manche Leute für eine Zeit von euch "enttäuscht" zurückziehen, oder ob es sich stimmiger anfühlt, Kompromisse einzugehen und nicht zu engstirnig zu sein.
Vor allem würde ich empfehlen, dabei sehr gut auf die Reaktionen ihres Babys zu achten. Manches Verhalten von Erwachsenen wirkt auf uns schrecklich, aber das Kind verkrampft sich nicht, und schaut sogar freundlich oder zeigt einen besonderen Draht zu jemand. Dann warne ich gerne, bestimmte gute Erfahrungen der Piklerpädagogik nicht zur "Methode" zu machen, da es uns ja generell um das Wohlbefinden und die Freude des Kindes geht, das sich in Beziehungen angenommen und gleichzeitig frei fühlen kann, seinem Interesse zu folgen. Das Baby wird sich dann von selbst abwenden oder letztendlich weinen, wenn es genug hat und eine Pause braucht. Bei einem weinenden Baby gibt jeder natürlich gerne der Mutter den Vorrang und glaubt ihr eher ihre Interpretation der Lage,...kennt sie doch das Baby meist am Besten! Das Lachen eines Kindes kann manchmal Freude ausdrücken, aber auch manchmal Spannung entladen, wenn es sich z.B. durch gekitzelt-werden ausgeliefert fühlt. Auch da lohnt es sich gut hin zu spüren, welche Signale das Kind aussendet. "Passt alles!", oder: "Bitte hilf mir!"
Wenn es später reden kann und durch ihre Erziehung ein kompetentes, selbstbestimmtes Kind werden konnte, dann wird es den Verwandten schon selbst die "Meinung" sagen, wenn ihm etwas gegen den Strich geht, denn es muss dann ja nicht brav und angepasst höflich sein. Vielleicht wirkt dann ihr Kind selbst mit, dass auch ihr Mann mutiger wird, zu seinen Lebenswerten zu stehen.
Dies sind alles Einladungen des Lebens sein Kind und sich selbst immer besser kennenzulernen. Dabei kann einem die Verwandtschaft das Leben erleichtern, und manchmal erschweren. Spätestens dann ist es stärkend, sich im Kreis von Gleichgesinnten z.B. in Eltern-Kind-Gruppen immer wieder aufzutanken und Argumente und Bestätigung für das eigene Fühlen zu finden.
Ich wünsche euch eine gute Geburt, viel Freude bei allen neuen Erfahrungen, und stehe für mehr Information per mail oder telefonisch gerne zur Verfügung!


Lucie Gräbe (Pikler-Kleinkindpädagogin, mail: lucie.graebe@familylab.de)